Billigtarife Private Krankenversicherung – Gefährliche Leistungslücken – Test – Stiftung Warentest

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Billigtarife Private Krankenversicherung: Gefährliche Leistungslücken

Manche Tarife der privaten Krankenversicherer sehen unschlagbar günstig aus. Doch einige haben gefährliche Leistungslücken.

Privat krankenversichert für 65 Euro im Monat – davon träumen andere nur. Doch Sebastian Graubner ist so günstig bei der Huk-Coburg versichert, allerdings nicht als Neukunde. Der 44-jährige Unternehmer aus Bad Herrenalb ist bei seinem Krankenversicherer schon seit über 15 Jahren versichert und Anfang 2010 von einem teureren Tarif in den Tarif E1000 gewechselt. Dort wird ihm die höhere Alterungsrückstellung des alten Tarifes angerechnet.

Der Preis für den niedrigen Beitrag sind jedoch geringere Leistungen und eine hohe Selbstbeteiligung von 1 000 Euro im Jahr. Graubner liegt – wie auch schon in seinem vorigen Tarif – im Krankenhaus im Mehrbettzimmer und wird nicht vom Chefarzt behandelt. Für Zahnersatz erhält er nur noch 60 Prozent erstattet. Eine ambulante Psychotherapie bezahlt die Huk-Coburg ihm gar nicht und die Rechnungen niedergelassener Ärzte übernimmt sie nur dann voll, wenn er zuerst einen Arzt für Allgemeinmedizin aufsucht. Das sind nur einige Beispiele.

Finanztest hat sich besonders billige Tarife verschiedener Versicherer angesehen. So niedrig wie für Graubner sind die Beiträge für Neukunden allerdings auch dort nicht. Ein 35-jähriger selbstständiger Mann zahlt beim Eintritt je nach Tarif zwischen 230 bis 330 Euro im Monat bei einer jährlichen Selbstbeteiligung von 100 bis 900 Euro. Das ist aber immer noch wenig. Die Pflegepflichtversicherung und – anders als bei Graubner – auch ein Krankentagegeld von 100 Euro ab dem 22. Krankheitstag sind im Beitrag enthalten.

Allerdings bieten diese Tarife auch deutlich weniger Leistungen als der Mindeststandard für private Krankenversicherungstarife, den wir in unseren Tests zugrunde legen. Nach diesem Mindeststandard werden Versicherte zum Beispiel im Krankenhaus vom Chefarzt behandelt und liegen im Zweibettzimmer. Sie bekommen Arzt- und Zahnarzthonorare mindestens bis zum 3,5-fachen Satz der jeweiligen Gebührenordnungen erstattet und können sowohl ihre Ärzte als auch das Krankenhaus frei wählen.

Für solche Tarife müsste der 35-jährige selbstständige Neukunde im günstigsten Fall immerhin zwischen 370 und 400 Euro im Monat bezahlen und einen Selbstbehalt von 600 Euro im Jahr aus eigener Tasche begleichen.

Leistungen auf Kassenniveau

Aber nicht nur Neukunden, sondern auch bereits privat Versicherte sind möglicherweise bereits mit Gesundheitsleistungen auf Kassenniveau zufrieden. Denn auf die Dauer werden vielen Versicherten in ihren bisherigen Tarifen die Beiträge zu hoch.

Auch für aktuell gesetzlich versicherte Existenzgründer und andere Selbstständige mit sehr geringem Einkommen, die für ihre Krankenversicherung nur sehr wenig ausgeben können, sind private Tarife auf Kassenniveau möglicherweise interessant.

In der gesetzlichen Kasse zahlen Selbstständige einen Mindestbeitrag – egal wie wenig sie verdienen. Für Existenzgründer liegt er bei 226 Euro im Monat einschließlich Pflegeversicherung und Krankengeld ab dem 43. Tag. Wer schon länger selbstständig ist, muss rund 340 Euro zahlen. Wird das Krankengeld schon früher benötigt, wird es noch teurer.

Solange solche Kunden noch Single und deutlich jünger sind als unser 35-jähriger Modellkunde, können private Tarife auf Kassenniveau für sie zumindest ein paar Jahre lang günstiger sein.

Diese Tarife haben gegenüber dem normalen Schutz in der privaten Krankenversicherung zum Beispiel folgende Leistungseinschränkungen:

Krankenhaus. Mehrbettzimmer und Behandlung durch die jeweils diensthabenden Ärzte statt Ein- oder Zweibettzimmer mit Chefarztbehandlung. Keine reinen Privatkliniken, sondern nur Krankenhäuser, die auch Verträge mit Kassen haben.

Zahnarzt. Begrenzte Erstattung für Zahnersatz, beispielsweise 65 Prozent. Keine Kostenerstattung für Inlays und Implantate, für die auch gesetzliche Kassen wenig zahlen.

Sehhilfen. Keine Zuschüsse für Brillen oder Kontaktlinsen – auch die gesetzlichen Kassen zahlen für Erwachsene nur in Ausnahmefällen.

Medikamente. Selbstbeteiligung, wenn ein teures Originalpräparat statt eines wirkstoffgleichen Nachahmerprodukts (Generikum) gewählt wird.

Heilpraktiker. Wie in der gesetzlichen Krankenversicherung keine Kostenübernahme für Heilpraktikerbehandlungen.

Arzt. Keine freie Arztwahl: Der Versicherte muss zuerst einen Arzt für Allgemeinmedizin aufsuchen. Geht er stattdessen direkt zum Facharzt, übernimmt die Versicherung je nach Tarif nur 60 bis 80 Prozent der Kosten. Übliche Ausnahmen sind Frauen-, Augen-, Kinderarzt, Not- oder Bereitschaftsarzt.

Selbstbehalt: Zahlen, um zu sparen

Eine weitere beliebte Methode, um Beiträge zu senken, sind Selbstbehalte: Patienten tragen im Krankheitsfall ihre Behandlungskosten bis zu einer bestimmten Summe pro Jahr selbst.

Doch auch wenn ein Kunde den Selbstbehalt zunächst nicht spürt, weil er noch gesund ist, sollte er die jährliche Summe durch zwölf teilen und zum monatlichen Beitrag addieren. Denn früher oder später kann jeder Mensch Behandlungskosten von mehreren tausend Euro im Jahr haben. Die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben der gesetzlichen Kassen für alle ihre Versicherten liegen im Schnitt bei rund 2 400 Euro.

Oft ist ein Tarif mit höherem Selbstbehalt trotzdem noch günstiger als einer mit geringem. Das gilt zumindest für Selbstständige. Arbeitnehmer müssen anders rechnen, da ihr Arbeitgeber sich zwar am Beitrag beteiligt, nicht jedoch am Selbstbehalt. Sie müssen den Beitrag halbieren und zu ihrem Anteil den durch zwölf geteilten Selbstbehalt dazuzählen, um vergleichen zu können.

Ist jemand ernsthaft erkrankt, kann er den Selbstbehalt nachträglich nicht mehr reduzieren.

Nicht vertretbare Leistungslücken

„Das brauche ich nicht, ich bin ja gesund.“ Diese Selbsteinschätzung ist menschlich, aber falsch. Finanztest warnt davor, Lücken im Krankenversicherungsschutz in Kauf zu nehmen, die später zu erheblichen Kosten führen können.

Die Checkliste links zeigt, auf welche Klauseln Kunden besonders achten sollten. Sie sollten sich genau überlegen, welches Risiko sie eingehen. Leistungen im Krankheitsfall „nachzuversichern“, ist nicht möglich.

Sebastian Graubner kann mit den Leistungseinschränkungen seines Tarifs leben. Er hat den Vertrag geprüft und mit dem vorherigen verglichen. Das Mehrbettzimmer und der Stationsarzt im Krankenhaus sind für ihn kein Problem, ebenso wenig der Verzicht auf den Heilpraktiker und die Auflage, immer zuerst einen Arzt für Allgemeinmedizin aufzusuchen. Das sind auch aus Sicht von Finanztest akzeptable Leistungseinschränkungen.

Problematisch ist, dass der Tarif E 1 000 wie viele sehr günstige Tarife die ambulante Psychotherapie ausschließt. Graubner könnte nur in einer Klinik psychotherapeutisch behandelt werden. Das ist aber nur in Ausnahmefällen medizinisch notwendig und möglich.

Das größte Risiko geht Graubner jedoch ein, indem er auf ein Krankentagegeld verzichtet. Krankentagegeld ersetzt den Verdienst, wenn jemand krankheitsbedingt nicht arbeiten kann. Diese Versicherung sollte jeder Selbstständige haben, denn sie kann seine Existenz retten.

Graubner hat anders vorgesorgt. Sein Betrieb ist so organisiert, dass notfalls jeder jeden vertreten kann. Außerdem bildet er wie viele Unternehmer ohnehin Rücklagen für Unvorhergesehenes wie Auftragsmangel, Haftungsansprüche oder Krankheit.

Aufstocken nach einigen Jahren

Aus manchen Tarifen mit niedrigen Leistungen können die Versicherten nach einigen Jahren ohne erneute Gesundheitsprüfung in einen höherwertigen Tarif wechseln. So kann jemand in der kritischen Phase der Existenzgründung jeden Cent in die Firma stecken und sich eine bessere Krankenversicherung leisten, wenn das Unternehmen später genügend abwirft.

Eine solche Option hilft aber nur dann, wenn der Kunde über einen längeren Zeitraum die Wahl hat, aufzustocken. Leider lassen die meisten Tarife dem Versicherten nur zu festen Terminen in den ersten fünf Vertragsjahren die Wahl, zum Beispiel einmalig zum Ende des vierten Versicherungsjahres. So ein Optionsrecht ist nicht viel wert. Denn niemand kann die Zukunft seines Unternehmens so genau vorhersehen.

Flexibler ist beispielsweise der Tarif Agil Classic EP1 der R+V, der den Aufstieg nach dem 5., 10. oder 15. Jahr anbietet, sofern der Kunde dann noch nicht 51 Jahre alt ist.

Auch im Billigtarif steigt der Beitrag

Auch der günstigste Tarif bleibt nicht so günstig wie heute. Im Lauf der Jahre wird es nicht nur wahrscheinlicher, dass Versicherte ihren Selbstbehalt in voller Höhe tragen müssen. Auch die Beiträge steigen, genauso wie in Tarifen mit höheren Leistungen.

Das ist Sebastian Graubner schon passiert: Nach dem Tarifwechsel betrug sein Beitrag zunächst nur rund 27 Euro im Monat, wurde aber inzwischen erhöht. Mit rund 65 Euro zahlt er zwar trotz Preissteigerung noch sehr wenig, doch wenn der 44-Jährige ins Rentenalter kommt, kann sich sein Beitrag vervielfacht haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Checkliste

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