Am Aktienmarkt kann Angst ein gutes Zeichen sein

Angesichts hoher Aktienkurse und der weltweiten Unruhen fühlen sich viele Anleger derzeit außerordentlich unwohl und sind ängstlich. Paradoxerweise kann das für die Entwicklung an den Börsen sehr gut sein, sagen einige Aktienstrategen.

„Wenn jeder denkt, dass es schlecht aussieht, dann sollte man kaufen“, sagt etwa Savita Subramanian, Chef-Analystin für US-Aktien bei Bank of America -Merrill Lynch. „Wenn alle optimistisch sind, sollte man verkaufen.“

Wenn man in die Geschichte zurückschaut, fallen Märkte zumeist dann auseinander, wenn die Euphorie zu immer waghalsigeren Investments führt – so geschehen bei den Abstürzen 2000 und 2008. Es kommt viel seltener vor, dass dies genau dann passiert, wenn die Anleger vorsichtig agieren.

Nach einigen Achterbahnbewegungen liegt der Dow Jones Index derzeit 3 Prozent unter dem Rekordhoch vom 16. Juli von 17.138 Punkten. Seit Jahresbeginn hat er lediglich um 0,5 Prozent zugelegt, seit dem Tief 2009 aber um 154 Prozent. Der volatilere Russell-2000-Index kleiner US-Unternehmen liegt 5,5 Prozent unter seinem Rekordhoch vom März. Anfang des Monats waren es sogar fast 8 Prozent.

In Europa sieht es eher schlechter aus: Der Euro-Stoxx-50 hat seit Jahresbeginn 2,6 Prozent verloren, beim Dax sind es sogar 4 Prozent. Seit den Tiefs 2009 haben sie jedoch um 72 bzw. 155 Prozent zugelegt.

Professionelle Investoren wie etwa Pensionsfonds, Versicherer und Hedgefonds haben ihre Positionen in US-Aktien laut offiziellen Daten seit dem Frühjahr 2013 reduziert. Stattdessen sind sie bei US-Staatsanleihen eingestiegen. Die zehnjährigen Treasurys rentieren derzeit mit 2,14 Prozent so niedrig wie seit mehr einem Jahr nicht mehr. (Renditen fallen, wenn die Anleihekurse steigen.)

Vermögensmanager schicken ihren Kunden Berichte, in denen sie diskutieren, ob der Aktienmarkt in einer Blase steckt. Um sich gegen Verluste abzusichern, kauften die Anleger Optionen zu so hohen Preisen wie noch nie in diesem Jahr, sagt Phil Roth, ein unabhängiger Marktanalyst. Das alles sind Anzeichen für Vorsicht, nicht für Euphorie.

Wall-Street-Experten sind Kontra-Indikatoren

Seine Schlussfolgerung: Der US-Aktienmarkt „zeigt derzeit keine besondere Anfälligkeit“. Wenn Anleger in diesem Herbst zu optimistisch werden sollten, könnte es mit den Aktienkursen abwärts gehen. Aber er wäre überrascht, wenn es jetzt stark abwärts gehen würde, sagt er.

Der verlässlichste Indikator von Merrill Lynch in diesem Bereich ist einer, den die Bank seit 1984 verfolgt. Wenn dieser sich auf dem aktuellen Niveau befand, seien die Aktienkurse in 98 Prozent der Fälle gestiegen, sagt Chef-Analystin Subramania

Dieser Indikator basiert auf den Empfehlungen von Wall Street Analysten wie Subramanian – und ihre ist auch tatsächlich darunter. Peinlicherweise ist der Rat der Wall Street aber ein Kontra-Indikator. Wenn die Investment-Strategen sehr bullisch sind, ist das zumeist ein Zeichen für überschießenden Optimismus. Die Aktien entwickeln sich dann normalerweise schlecht. Wenn die Analysten pessimistisch sind, geht es an den Börsen aufwärts.

Derzeit blicken die Experten der Wall Street eher düster in die Zukunft. Im Schnitt empfehlen sie Anlegern, gerade mal 51 Prozent ihres Geldes in Aktien anzulegen. Das sind deutlich weniger als die 60 Prozent, die sie im Schnitt der vergangenen 15 Jahre empfohlen haben. Außerdem ist es auch weit von dem Spitzenwert von 66 Prozent entfernt, ab dem die Aktien 2007 abgestürzt sind. Für Merrill ist jeder Empfehlungswert von unter 54 Prozent für Aktien ein Kaufsignal.

Aktuell prognostiziert der Indikator für US-Aktien einen Kursgewinn von 22 Prozent über die nächsten zwölf Monate.

Frau Subramanian selbst rechnet nur mit einem halb so hohen Gewinn, aber der genannte Indikator bringt sie ins Grübeln. Denn von allen Indikatoren, die sie beobachtet, war dieser der einzige, der das Plus von 30 Prozent im S&P-500 im vergangenen Jahr korrekt vorhergesagt hatte.

Aktienkurse hängen stark von der Fed-Politik ab

Merrill verfolgt auch das Maß an Überschwang bei den Vermögensmanagern, die derzeit ebenfalls eher pessimistisch sind. Die große Beachtung findende Umfrage der Investmentbank dazu zeigt aktuell, dass Geldmanager 5 Prozent ihres verwalteten Kapitals in Cash vorhalten, so viel wie seit Juni 2012 nicht mehr. Vor einem Monat waren es nur 4,5 Prozent.

Auch jüngste Daten von Publikumsfonds zeugen von ähnlichem Pessimismus. Die haben derzeit laut Merrill so wenig Aktien mit hoher Kursabhängigkeit von der Konjunkturentwicklung in ihren Portfolios wie zuletzt 2009. „Positionstechnisch befinden die sich in den Bunkern“, sagt Subramanian.

Aber die Geschichte ist natürlich nicht immer ein zuverlässiger Indikator. Die aktuelle Ära ist außergewöhnlich, denn die Aktienkurse hängen stark von der Unterstützung durch die Fed-Politik ab. Der Blick zurück könnte daher weniger sinnvoll sein als normalerweise.

Und trotz der vielen Anzeichen von Nervosität lassen sich in einigen Marktbereichen auch Signale für Übertreibungen finden, etwa bei Aktien aus den Sektoren Soziale Medien und Biotechnologie sowie bei Ramschanleihen, sagt Jason Pride, Investmentstrategie-Chef bei Glenmede Trust, die 26 Milliarden Dollar verwalten.

Auch er glaubt, dass der breite Markt steigen wird, aber riskantere Aktien könnten durchaus noch weiter fallen. Wenn sie das tatsächlich tun sollten, gibt es immer das Risiko, dass Anleger, die sich für ihre Aktieninvestments verschuldet haben, dann nicht nur die riskanten Aktien sondern auch die anderen verkaufen. Das könnte sich auch auf den breiten Markt auswirken.

„Das ist nicht unser Basis-Szenario, aber es ist möglich, dass etwas überläuft“ von den riskanten Aktien auf den Gesamtmarkt, sagt Pride.

Roth fügt hinzu, dass die Umfragen unter Futures-Händlern und Newsletter-Schreibern nahelegen, dass einige Anleger noch immer sehr optimistisch sind. Wenn die Panik bekommen würden, könnten ihre Verkäufe den breiten Markt ebenfalls belasten.

Andere Experten sorgen sich um die Aktienbewertungen, die derzeit über ihrem langfristigen Durchschnitt liegen, und deuten auf gewisse Anzeichen für Selbstgefälligkeit bei den Anlegern. Der als Angstindikator geltende CBOE Volatilitäts-Index, abgekürzt VIX, lag am Mittwoch bei 13, deutlich unter dem langfristigen Schnitt von 20. Zudem ist der laufende Bullenmarkt mit 1.982 Tagen schon der viertlängste in der Geschichte – die auf den drei vorderen Plätze dauerten aber auch noch deutlich länger.

Prides Firma hat sich inzwischen von konjunktursensiblen Aktien abgewandt und setzt eher auf die mit hohen Dividenden und aus dem Bereich Grundkonsum. Auch aus Ramschanleihen zieht sie sich zurück und kauft ausländische Aktien. Viele von diesen hält Pride für preislich attraktiver als US-Aktien.

Das wahrscheinlichste Szenario aus Sicht von Pride ist ein weiterer, gemächlicher Anstieg bei US-Aktien. Aber das Risiko von Kursrückgängen hält er für größer als die Wahrscheinlichkeit starker Gewinne.

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