Draghi

-Chef Mario Draghi ist böse Überraschungen gewöhnt. Die Euro-Zone ist so labil, dass selbst kleine Erschütterungen die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen können. 2016 droht gleich von mehreren Seiten Ungemach: Die Krise in den Schwellenländern, die Zinswende in den USA aber auch die politischen Umwälzungen in Europa könnten das ohnehin schwache Wachstum in der Euro-Zone abwürgen. Das würde die EZB unter Zugzwang setzen.
Das wohl größte Risiko ist die Krise in den Schwellenländern. Dort liegt die private Schuldenquote inzwischen bei rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung – und damit deutlich höher als vor dem Ausbruch der Schwellenländer-Krise 1997/98. Besonders bedrohlich ist die Lage in China. Dort ist vor allem die Verschuldung der Unternehmen seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 rasant gestiegen.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet deshalb, dass viele staatliche Unternehmen in China zunehmend unter Stress geraten. Die chinesische Wirtschaft werde deshalb für mehrere Jahre vergleichsweise wenig wachsen. Auch für andere Schwellenländer könnte die hohe Verschuldung des Privatsektors zum Problem werden. Das würde vor allem die exportabhängige deutsche Wirtschaft hart treffen, die bisher der Motor des Wachstums in der Euro-Zone ist.
Das zweite Risiko ist die Zinswende in den USA. Die US-Notenbank Fed hat am Mittwoch erstmals seit fast zehn Jahren den Leitzins angehoben. Damit laufen die beiden größten Notenbanken der Welt in unterschiedliche Richtungen: Während die Fed in der Geldpolitik die Zügel strafft, hat die EZB sie erst im Dezember erneut gelockert. Bislang hat es das nur sehr selten gegeben.
Die Frage ist: Kann sich die Euro-Zone von dem Trend in den USA völlig abkoppeln? Denn wenn in den USA die langfristigen Zinsen steigen, könnte das auch in Europa passieren, obwohl die Wirtschaft hier schwächelt.
Kurz vor der Zinserhöhung in den USA hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet im Handelsblatt-Interview dies als Risiko bezeichnet. Die Märkte wüssten noch nicht, wie sich die Wende in der US-Geldpolitik auf die langfristigen Zinsen und die weltweiten Anleihemärkte auswirke, sagte er. Dies sei offenkundig mit Unsicherheit verbunden.
Das dritte Risiko ist die politische Instabilität in Europa. In der Flüchtlingskrise haben sich bereits große politische Differenzen gezeigt. Euroskeptische Parteien sind in vielen Ländern im Aufwind. Die offenen Grenzen innerhalb Europas stehen zur Disposition. Zudem könnte sich Großbritannien von der EU abspalten.
Zuletzt hat der britische Premier Cameron angedeutet, dass er das Referendum über den Verbleib in der EU schon 2016 abhalten könnte. „Ich glaube, dass 2016 das Jahr sein wird, in dem wir erreichen, dass das britische Verhältnis zur EU fundamental verändert und auf die Sorgen der Briten über unsere Mitgliedschaft eingegangen wird“, sagte er jüngst. Bei einem solchen Referendum steht für beide Seiten – Großbritannien und die restlichen EU-Länder – wirtschaftlich viel auf dem Spiel. Ein Austritt würde für große Unsicherheit sorgen.
Das alles ist kein angenehmes Umfeld für EZB-Chef Mario Draghi. Erst im Dezember hat er die Geldpolitik in der Euro-Zone erneut gelockert. Die Märkte reagierten jedoch enttäuscht, weil sie mehr erwartet hatten. Eine weitere große Geldspritze der EZB ist damit aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Angesichts der großen Risiken könnte es durchaus sein, dass Draghi 2016 noch einen Schritt weiter geht.

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